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Queere Coming Out Geschichten 1000 600 WESENsBande
Alex vor einem Regenbogen. Daneben der Text: »Queere Coming Out Geschichten.« Für die einen super leicht. Für die anderen die schwerste Sache der Welt.

Queere Coming Out Geschichten

Für die einen super leicht.
Für die anderen die schwerste Sache der Welt.

Das Coming Out. Also das Kommunizieren, dass mensch schwul, lesbisch, bi, trans*, inter*, queer* ist. Also jedenfalls nicht hetero. Und damit nicht ein Teil der »Norm«. Es gibt das sogenannte »Innere Coming Out«, das heißt, sich selbst gegenüber. Und das »Äüßere Coming Out«, sprich seiner Umwelt wie Familie, Freund*innen und anderen gegenüber. Meist geht das innere dem äußeren voraus. Queere Menschen outen sich wegen ihrer sexuellen_romantischen Orientierung, weil sie zum Beispiel lesbisch oder bi sind. Und es gibt ein Outing auf Grund der ihrer Geschlechtsidentität, weil Menschen beispielsweise trans* oder gender-queer sind. Menschen haben deshalb auch zwei oder mehrere Coming Outs in ihrem Leben. Doch in allen Fällen ist es immer sehr persönlich, sehr intim und sehr individuell.

Das Besondere beim Coming Out ist, dass nur queere Menschen ihn haben. Denn nur wer von der gesellschaftlichen Norm abweicht, muss sich auch dazu bekennen, also sich outen. Soweit die Meinung der Mehrheit. Doch das ist noch immer keine so leichte Sache. Denn Ehe-Öffnung hin oder her, queer-sein ist in Deutschland immer noch keine »Normalität«. Und ist auch immer noch mit vielen Erfahrungen von Diskriminierung und Gewalt verbunden. Ein Grund von vielen, warum sich auch nicht jede queere Person outet.

Zwei blaue, knubbelige Wesen sind zu sehen: Ally mit Bartstoppeln und Lippenstift und Alex mit ein Buch über Pansexualität.

Der 11. November ist der internationale Coming Out Tag. Und wir haben queere Menschen gefragt, wie sie ihr Coming Out erlebt haben und was sie von diesem Tag halten. Denn für uns ist es wichtig, über diese Erfahrungen zu sprechen. Zum einen empowert es uns als queere Wesen, selbstbestimmt mit unser Geschichte umzugehen. Und zum anderen bekommen nicht-queere Wesen vielleicht eine kleine Vorstellung davon, dass queer sein zwar voller Glitzer, aber nicht immer Zuckerschlecken ist.

(Anmerkung: Wir haben alle Interview-Partner*innen geben, eine Positionierung im queeren Kontext zu geben, damit ihre Erfahrungen auch eingeordnet werden können. Außerdem haben sie nur das von sich geteilt, was sie auch teilen wollten, wie zum Beispiel etwaigen Namen, oder anonymisierte Formen gewählt.)

 

Nächtelang nach den richtigen Worten suchen

Yo, cis-weiblich, queer, 27

Hattest du ein Coming Out? Und wenn ja, was war dir dabei wichtig?

Yo: Ich bin in einer kleinen, sehr konservativen Stadt aufgewachsen und in eine katholische Schule gegangen, in der uns regelmäßig vermittelt wurde, dass Homosexualität eine Sünde ist. Mit etwa 16 Jahren hatte ich ein Coming Out, anders hätte ich diese Zeit vielleicht nicht überlebt.

Mir ist dabei wichtig zu betonen, dass ich keine wirklich andere Wahl hatte als mich in diese Situation zu begeben. All meine Freund*innen um mich mussten nie nächtelang wachliegen und mit heftig pochendem Herzen zwischen Bad und Wohnzimmer umhertingeln, suchend nach den richtigen Worten. Sie mussten sich nicht auf ein Sofa setzen und ihren Eltern etwas sehr Intimes über sich erzählen, als sei es ein Verbrechen. Und sie mussten sich nicht mehrfach in diese Situation begeben, in der du niemals sicher sein kannst, wie dein Gegenüber reagieren wird.

Denn ja, mehrfach! Die wenigsten Menschen können diese Coming-Out-Geschichte einmal machen und dann ist die Sache abgehakt. Es ist eine sehr angespannte, super unangenehme Situation, die sich wiederholt. Elternteile, andere Erziehungspersonen, Familienmitglieder, Freund*innen, Bekannte der Eltern, Mitbewohner*innen, usw… Auch mit Mitte Zwanzig habe ich noch Coming-Out-Momente. Und auch wenn die andere Person dir danach nicht ins Gesicht spuckt, musst du dich immer auf alle Formen von verbaler Gewalt gefasst machen.

WESENsART – Mika - ein blaues, knubbeliges Wesen hat eine Fahne in der Hand. Die Farbkombination steht für Pride / LGBTI

Warum ist der Coming Out Tag wichtig?

Yo: Ich finde es wichtig, dass für Menschen, die auf Grund ihrer Positionierung in der Gesellschaft nie ein Coming Out haben mussten, sichtbar gemacht wird, welchen emotionalen Stress Menschen erleben müssen, die nicht der Norm entsprechen. Und welche Verantwortung sie als privilegierte Personen tragen, darauf supportend zu reagieren.

Vielleicht kann der Tag eine Motivation sein, die eigenen Privilegien zu überdenken. Warum habe ich mich nie als hetero, nie als cis outen müssen? Wie würde ich mich fühlen, wenn mich Menschen, nachdem ich mich als hetero geoutet habe, mich indiskret nach meinem Sexleben ausfragen? Gleichzeitig finde ich es wichtig, dass es Vorbilder gibt für diejenigen, die noch immer nachts wachliegen und nicht wissen, wie sie sich outen sollen, und das Coming Out auch zu zelebrieren als einen selbstbestimmten Akt, der mich stärken kann in dem, was ich bin.

Jetzt mal Klartext: Was weiß noch kein Wesen über dich, was du aber schon immer mal rauslassen wolltest?

Yo: Ich habe zuletzt die Comedy Show »Nannette« von Hannah Gadsby bei Netflix gesehen. Hannah Gadsby positioniert sich als weiße, lesbische Comedian und macht sehr offen Witze über ihr Coming Out. Während der Show macht sie aber eine sehr klare Ansage. Ihre Witze über ihr Coming Out funktionieren nur, weil sie sich dabei selbst erniedrigt. Und darauf hat sie keine Lust mehr. Sie wird keine Comedy mehr machen, wenn das bedeutet, dass Menschen, die einer Minderheit angehören, immer nur Witze auf ihre eigenen Kosten machen müssen. Ich hatte Gänsehaut, als sie das gesagt hat. Denn es ist so wahr! Lebt damit, dass ein Coming Out eine verdammt beschissene Situation ist! Ich werde euch nicht durch einen Witz davon erleichtern, diese Anspannung auszuhalten!

Diskriminierungserfahrungen in Deutschland (Stand Juni 2018). Angaben in Prozent.

Übersicht von Diskriminierungserfahrungen in Deutschland (Stand Juni 2018). Angaben in Prozent.

Jeder Mensch ist einzigartig schön

Tobi, gender-queer und pansexuell, 19

Hattest du ein Coming Out? Und wenn ja, was war dir dabei wichtig?

Tobi: »Mama, Papa, ich muss euch etwas sagen. Ich bin…«
Ja, auch über meine Lippen kam dieser Satz. Ein Satz, der mich viel Überwindung kostete und bereits meinem eigentlichen Coming Out, nämlich gegenüber mir selber, vorrausging. Denn um sich vor anderen als sich selbst zu behaupten, muss man sich erstmal selber bewusst werden, wer man eigentlich ist.

Verschiedene Fragen traten mir damals in den Sinn: Wer möchte ich sein? Was möchte ich erreichen? Wie möchte ich wahrgenommen werden und wie werde ich damit klar kommen? Um der Beantwortung der Fragen gerecht zu werden, musste ich mir viel Zeit zur Reflexion nehmen. Es war mir wichtig, darüber nachzudenken und auch wirklich nur mich und meine Bedürfnisse ins Zentrum zu rücken. Dennoch wurde ich stets mit der Angst konfrontiert, Freunde könnten sich abwenden, meine Familie könnte die Entscheidung nicht akzeptieren oder diese Entscheidung würde ihr Leben beeinflussen.

Ich stellte mich diesen Ängsten, genauso wie ich lernte, Emotionen zu zulassen. Es ist in Ordnung, zu weinen, zu schreien oder auch mal über sich zu lachen. Ich merkte, je offener ich mit diesem Thema umging, desto mehr Stärke konnte ich daraus schöpfen. Ich hielt mir dann immer vor Augen, dass ich nur einmal lebe, also warum sollte ich mein Leben wegwerfen, nur das Negative sehen? Mit der Zeit verstand ich mich als etwas Einzigartiges. Ich wollte mein Leben gestalten, wie ich es möchte und lieben, wen ich möchte, ohne jemanden Rechtschaffenheit ablegen zu müssen. Heute würde ich sagen, dass Wichtigste ist, sich selber einen Raum zu schaffen und zu gestalten, indem man sich individuell mit dem Thema auseinandersetzen kann, egal wie und egal wie lange. Jeder Mensch ist einmalig (schön) und dass sollte man immer als oberstes Gebot sehen.

WESENsART – Mika - ein blaues, knubbeliges Wesen hat eine Fahne in der Hand. Die Farbkombination steht für Pansexuell

Warum ist der Coming Out Tag wichtig?

Tobi: Ganz einfach. Ein solcher Tag ist dann wichtig, wenn er einen Sinn hat. Also, müsste die Frage lauten: Brauchen wir einen Coming Out Tag?

Ich würde gerne mit »Nein« antworten. Viele Leute meinen, es wäre heute kein Problem mehr, offen über sich und seine Sexualität zu sprechen. Aber leider ist es noch ein Problem. Viele nicht-heterosexuelle Menschen haben immer noch Angst, darüber mit ihren Eltern oder Freunden zu sprechen. Heterosexuelle Menschen müssen sich im Übrigen nicht outen, sie erfüllen den von der Gesellschaft konstruierten Normalzustand. Und dennoch sollten sie sich hinter diesem Normalzustand nicht verkriechen, sondern diesen hinterfragen und sich kritisch sowie wiederum offen mit ihrer Sexualität auseinandersetzen.

Es ist vollkommen in Ordnung heterosexuell zu sein, genauso wie es in Ordnung ist, queer zu lieben. Solange dies aber nicht der Fall ist, müssen wir aufstehen, die Menschen sensibilisieren, informieren und unterstützen, sich nicht zu verstecken. Dies erreichen wir nicht durch übertrieben laute, bunte Paraden, sondern indem wir uns öffentlich so zeigen, wie wir sind und damit andere Menschen in ihrem Coming Out-Prozess motivieren, egal wie sie leben und lieben möchten.

Um auf die eigentliche Frage zurück zu kommen: Darum ist der Coming Out Tag wichtig.

Jetzt mal Klartext: Was weiß noch kein Wesen über dich, was du aber schon immer mal rauslassen wolltest?

Tobi: Ich würde mich gerne einmal als Drag-Queen ausprobieren.

 

Je mehr Menschen out sind und es leben, um so mehr sind glücklich

B., 56.

Hattest du ein Coming Out? Und wenn ja, was war dir dabei wichtig?

B: Ja, Coming Out hatte ich so mit 22 relativ früh, aber mir selbst war das eigentlich schon immer klar, dass ich Frauen lieber mag. Wichtig war mir hauptsächlich, dass meine Freunde und Freundinnen jetzt wissen, woran sie mit mir sind und die meisten wussten es eh schon oder haben es geahnt.

WESENsART – Mika - ein blaues, knubbeliges Wesen hat eine Fahne in der Hand. Die Farbkombination steht für Genderqueer

Warum ist der Coming Out Tag wichtig?

B: Je mehr Menschen Out sind und es leben, umso mehr sind glücklich und alle anderen können dann nicht mehr sagen, dass sie niemand kennen und es wird dann wahrscheinlich auch mehr akzeptiert. Beim CSD sind ja immer viele out aber am Arbeitsplatz sieht es oft anders aus und da muss sich noch viel ändern.

Jetzt mal Klartext: Was weiß noch kein Wesen über dich, was du aber schon immer mal rauslassen wolltest?

B: Ach, ich lebe ja relativ extrovertiert und offen und viele Geheimnisse gibt es da nicht mehr. Ich liebe Kino und hasse fliegen (klein geschrieben). (Lacht)

Ein Coming Out ist keine universelle Erfahrung

Fabian, cis und queer, 30

Hattest du ein Coming Out? Und wenn ja, was war dir dabei wichtig?

Fabian: Ich finde es schwierig, einen Tag festzulegen, weil ein Coming Out in einer heterosexistischen Gesellschaft irgendwie nie »vorbei« ist. Ich habe das Gefühl, als queere Person muss ich mich fast jeden Tag aufs Neue outen, weil nicht-queere Menschen in der Regel davon ausgehen, dass alle um sie herum hetero_a sind, bis ihnen das Gegenteil bewiesen wird. Ich würde also eher von einem Coming-Out-Anfang sprechen.

Mein Coming Out begann relativ klassisch mit meiner versammelten Familie an einem Weihnachtsabend. Ich wusste dass es kein großes Ding werden würde, aber trotzdem erinnere mich daran wie befreit ich mich die Wochen danach fühlte.

Warum ist der Coming Out Tag wichtig?

Fabian: Als weiße, im Westen sozialisierte Person war ein Coming Out für mich persönlich wichtig und ermächtigend. Gleichzeitig denke ich aber auch, dass es wichtig ist, das Coming Out nicht als eine quasi »universelle« Erfahrung zu verstehen, die alle queeren Menschen auf der Welt vereint, und das auf jeden kulturellen Kontext übertragbar ist. Sichtbarkeit und Out-Sein ist nicht für alle queeren Menschen ein erstrebenswertes Konzept, da Sexualität und Öffentlichkeit in manchen kulturellen Kontexten (auch für Heteros_as) strikt voneinander getrennt existieren, oder queeres Begehren/Sex nicht als identitätsstiftendes Merkmal, sondern als reiner Akt verstanden wird.

Dazu ist es wichtig, Labels wie »schwul« oder »lesbisch« als spezifisch westliche Konzepte zu verstehen, die aus einem ganz bestimmten gesellschaftlichen und historischen Kontext entstanden sind. Und auch nur in diesem wirkmächtig sind, während sie woanders eventuell keine Bedeutung besitzen. Das soll natürlich nicht heißen, dass offen queer leben wollen oder Pride feiern wollen schlecht oder falsch ist. Aber die Idee, jeder queere Mensch auf der Welt sollte nach der westlich geprägten Vorstellung Out sein können (z.B. auf Pride-Paraden) ignoriert bzw. überschreibt nicht-westliche Konzepte von queerem Leben und Begehren, die sich außerhalb westlicher Definitionsrahmen bewegen.

Besonders bedenklich wird es, wenn die Möglichkeit zum Coming-Out als Marker für »Zivilisation« und »Fortschritt« einer Gesellschaft gemessen wird. Und im Namen von LGBTQ*-Rechten – ähnlich wie schon seit geraumer Zeit mit Frauen*rechten – kultureller Imperialismus, Militäreinsätze und Angriffskriege im Globalen Süden gerechtfertigt werden, um angeblich unterdrückte LGBTQ*-Personen vor ihren homo/trans*phoben Mitmenschen »zu retten«. Das ist Kolonialismus – nur im neuen (alten) Gewand.

Übersicht von Ländern, in denen Homosexualität unter Strafe steht. Angaben nach Straßfmaß (Stand Juni 2018).

Übersicht von Ländern, in denen Homosexualität unter Strafe steht. Angaben nach Straßfmaß (Stand Juni 2018).

Jetzt mal Klartext: Was weiß noch kein Wesen über dich, was du aber schon immer mal rauslassen wolltest?

Fabian: Ich habe seit ungefähr 1996 mein damals Lieblings-BRAVO-Abziehtattoo der Kelly Family in meiner Schreibtischschublade, das ich mir aufheben wollte für meine Hochzeit mit der Sängerin von AQUA. Ich warte immer noch auf ihren Anruf!

 

Wir bedanken uns bei unseren Interview-Partner*innen aus vollstem Herzen!
Vielen Dank, dass ihr mit uns eure intimen Geschichten geteilt habt. Dass ihr Stellung bezogen habt und auch immer wieder bezieht. Vielen Dank für euer Engagement.
Und dafür wünschen wir euch jeden Tag neue Kraft und Energie!

 

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