• WESENsART – Papeterie, die aus der Reihe tanzt. post@wesensart-papeterie.de

Drag Kings spielen mit Genderrollen 1000 600 WESENsBande
Stephanie Weber als Hans Schwanz

Drag Kings spielen mit Genderrollen

Drag Up Your Live
She’s the man* – das Interview mit Stephanie Weber

Wie können wir am besten Geschlechtervorstellungen als sozial konstruiert entlarven? Am besten, in dem wir sie überziehen und dadurch als Rolle entlarven. Eine Kunstform die das schon seit Jahrhunderten tut ist der Drag (engl.: dressed as a girl / dressed as a guy; auf Deutsch: (ver-)kleidet als Frau/Mann). Als Drag King oder Drag Queen erschaffen Performer*innen eine Kunstfigur eines anderen Geschlechts. Warum, das wollen wir herausfinden.

In der Kategorie #wesenstipp wollen wir dir Aktivist*innen, online Shops und Aktionen, Literatur und andere Dinge für die Seele und den Geist empfehlen. Heute haben wir ein Interview mit Stephanie Weber geführt, die seit einigen Jahren in ihrer Drag King Rolle Hans Schwanz auftritt.

Stephanie Weber als Hans Schwanz

Stephanie Weber als Hans Schwanz

She’s the man*

Die Kölner Gender- und Medienpädagogin Stephanie Weber (M.A. Medienpädagogin, Dipl. Sozialarbeiterin/-pädagogin und Anti-Bias Trainerin) beschäftigt sich in ihrer Arbeit u.a. seit vielen Jahren mit dem Thema Drag auf theoretischer und praktischer Ebene. Ihr Drag King Workshop »She’s the man*« verfolgt das Ziel, Geschlecht zu dekonstruieren und langfristig das eigene Verhaltensspektrum zu erweitern. Als Drag King ist sie live mit ihrem Drag Alter-Ego Hans Schwanz und ihrer Performancegruppe »KINGZ OF POP« zu erleben.

Wie bist du dazu gekommen, Drag-Workshops anzubieten und welche Erfahrungen hast du bisher damit gemacht?

Stepahnie: Im Rahmen meines Studiums der Sozialen Arbeit habe ich damals meine ersten Gender-Kurse besucht. Dort bin ich auch das erste Mal auf das Thema Drag auf theoretischer Ebene gestoßen. Damit ging es dann los, das ganze mit dem Freundeskreis auf praktischer Ebene auszuprobieren.
Der Workshop ist eher durch Zufall durch meine Tätigkeit in der praktischen Mädchenarbeit vor ca. 10 Jahren enstanden. Ich wollte mit einer Mädchen*gruppe Gender thematisieren, meine privaten Drag King Erfahrungen hierfür nutzen und habe mich dafür bei ein paar Profis aus Berlin telefonisch erkundigt. Meine Genderprojekte mit den Jugendlichen hatten sich dann irgendwie rumgesprochen. So wurde ich immer mehr angefragt für Gender-Workshops. In 2012 konnte ich einen »Man for a day«-Workshop bei Diane Torr besuchen und viel von ihr über Drag King Workshops lernen.

In den vergangenen Jahren habe ich sehr viele positive Erfahrungen durch den Workshop gemacht. Ich werde regelmäßig zu Tagungen eingeladen oder als Referentin angefragt, um über Drag oder Genderperformance zu sprechen. Und meine Workshop-Teilnehmenden melden mir Jahre später noch zurück, dass sie von der Erfahrung persönlich sehr profitiert haben. Sie begeben sich ein Wochenende lang in eine andere Genderrolle und erleben hautnah die Konstruktion von Geschlecht.

Stephanie Weber schlüpft vor dem Spiegel in ihre Drag King Rolle Hans Schwanz (Foto von Hanna Vogel)

Stephanie Weber schlüpft vor dem Spiegel in ihre Drag King Rolle Hans Schwanz (Foto von Hanna Vogel)

Was haben für dich Drag und Gender miteinander zu tun?

Stephanie: Drag bietet, neben dem faszinierenden entertainenden Charakter, die spannende Möglichkeit aufzuzeigen, dass Geschlecht konstruiert ist und als Performanceakt verstanden werden kann. Wenn es um Drag auf der Bühne geht, sehen wir beispielsweise auf der Bühne nicht eine Frau, die sich einen Bart aufgeklebt oder gemalt hat.  Sondern wir sehen einen Typen, der vor Männlichkeit strotz. Und der uns dazu ziemlich amüsiert. So wird ganz schnell deutlich, wie einfach Gendernormen nachzuahmen und geschlechtlich zugeordnetes Verhalten zu durchbrechen ist.
Das spannende bei Drag Kings ist, dass sie verbotenes Terrain betreten. Sie eignen sich Räume an und bedienen sich Verhaltensweisen, denen sie sich als Frau nicht bedienen dürften. Ihnen gelingt der »Griff nach oben«. Sie machen deutlich, welche Privilegien Frauen noch nicht haben – Männer hingegen schon.

Drag ist für mich nicht nur Entertainment, sondern auch politische und feministische Praxis. Für mich ist Drag eine Parodie über Geschlecht, die eine faszinierende Wirkung auf das Publikum hat.
Und, um es mit Judith Butlers Worten zu sagen: »In der Parodie des Originals des Geschlechtes wird gleichzeitig deutlich, dass es überhaupt kein Original gibt. Ein Original kann niemals abgebildet werden« (vgl. Butler 1991: Das Unbehagen der Geschlechter, S. 203). Ich finde da ist viel Stoff drin, einmal intensiv darüber nachzudenken.

Stephanie Weber schlüpft vor dem Spiegel in ihre Drag King Rolle Hans Schwanz (Foto von Hanna Vogel)

Stephanie Weber schlüpft vor dem Spiegel in ihre Drag King Rolle Hans Schwanz (Foto von Hanna Vogel)

Welche queere und/oder feministische Forderung hast du?

Stephanie: Prinzipiell sollten sich ja eigentlich alle Geschlechter allen Verhaltensweisen bedienen dürfen. Es ist schade zu beobachten, dass Menschen aufgrund ihres Geschlechtes immer noch vorbestimmte und eingegrenzte Verhaltensräume vorfinden. Und dass verschiedene gesellschaftliche Erwartungen an ihr Geschlecht geknüpft werden. Abwertung aufgrund von »der nicht richtigen« Genderperformance ist nach wie vor legitimierte soziale Praxis. Da leiden alle drunter. Den Sinn von Gendernormen habe ich bis heute nicht verstanden.

Für Kinder bietest du bereits Workshops an, bei denen du mit einem Anti-Bias Ansatz arbeitetest. Ab wann glaubst du, sollten sich Menschen mit dem Thema Gender, Gerechtigkeit und Diversity auseinander setzen und wie können Erwachsene dabei gut Unterstützung anbieten?

Stephanie: Kinder kommen schon früh mit heteronormativen Bildern in Berührung. Sie erleben Diskriminierung aufgrund körperlicher Merkmale und sehen beispielsweise eher wenig PoC in Literatur oder Medien. Wenn doch, dann häufig in stigmatisierten Darstellungen und vor allem nicht als Hauptdarsteller*innen. Das bedeutet, dass sie schon früh mit Normen der Gesellschaft konfrontiert werden.
Kinder zeigen sich schon im Alter von 3 Jahren von diesen Normen beeinflusst indem sie »Unbehagen« gegenüber Merkmalen des Geschlechts, der Herkunft oder der Beeinträchtigung eines Menschen zeigen. Sie wissen außerdem dann schon, ob sie auf der diskriminierten oder nicht-diskriminierten Seite einzuordnen sind.

Erwachsene können unterstützen, indem sie in diesem Alter beginnen, mit Kindern Vielfalt zu thematisieren und Kinder zu bestärken, sich für andere einzusetzen. Oder Literatur und Medien anbieten, wo Vielfalt selbstverständlich thematisiert wird. Da gibt es eine ganze Menge auf dem Markt. Es wird leider zu selten danach ausgesucht. Da müssen natürlich auch KiTas mitmachen und geeignete Materialien anbieten.
Ich habe gerade in der Arbeit mit Kindern zwischen 3-6 Jahren unfassbar positive Projektergebnisse gehabt. Beispielsweise ist eine ganze KiTa gegen Rassismus und Krieg demonstrieren gegangen. Sie haben beispiesweise den gesellschaftlichen Rassismus im Kontext Flucht mitbekommen. Denn natürlich bekommen Kinder mit, was es für aktuelle Themen in der Erwachsenenwelt gibt.

Stephanie Weber und Hans Schwanz im Schattenspiel (Foto: Hanna Vogel)

Stephanie Weber und Hans Schwanz im Schattenspiel (Foto: Hanna Vogel)

Zudem wird in Projekttagen mit Hilfe des Anti-Bias Ansatzes von Kindern ganz klar benannt, dass die Unterscheidung aufgrund des Geschlechtes völlig unsinnig ist. Und dass man eher den Menschen und nicht sein Geschlecht wahrnehmen sollte. Dass es da ganz viele Vorurteile gibt, die nicht unbedingt stimmen.
Wir Erwachsenen können da noch viel von den Kindern lernen. Leider bringen wir Kindern im Verlaufe ihres Lebens eher bei, sich vor bestimmten Menschen oder Gruppen in acht zu nehmen oder sich normal, also genderkonform, zu verhalten. Vorurteile werden ja erst erlernt, das ist ein ganz wichtiger Punkt, finde ich.

Und zum Abschluss noch eine Frage von unserer Bande: Wenn du ein Wesen wärst – wie würdest du aussehen?

Stephanie: Ich würde vom Körper ein bisschen wie Ally oder Chakka aussehen; vielleicht in der Farbe lila (für Feminismus), einen Zwirbelschnuppi den der Hans Schwanz sonst immer trägt, betonte Wimpern mit bisschen was Kajal, ein nicht-stoppeliges Gesicht, eine hochgezogene Augenbraue, ein lächeln, lockige Haare und eine Strähne die ins Gesicht fällt. Ja, das wäre mein Wesen.

Stephanie Weber als Hans Schwanz als Wesen

Wir bedanken uns bei Stephanie für das wunderbare Inteview!
Vielen Dank für deine Offenheit, deine Ideen und Impulse und die Erfahrungen, die du mit uns, der WESENsBande und den Wesen da draußen teilst!

Du willst noch mehr erfahren?

Dich hat unser Interview mit Stephanie auch so richtig angeregt?
Dann haben wir hier noch ein paar Empfehlungen für dich:

Hans Schwanz in action

Hans Schwanz in action

Pinn dir den Artikel auf Pinterest:

Stephanie Weber als Hans Schwanz als Wesen

  • Queere Coming Out Geschichten 1000 600 WESENsBande Alex vor einem Regenbogen. Daneben der Text: »Queere Coming Out Geschichten.« Für die einen super leicht. Für die anderen die schwerste Sache der Welt.
  • Die Lady mag viel Glitzer 1000 600 WESENsBande Titelbild für den Beitrag: links ist en Foto von Lady Maxime zu sehen mit roten Haaren. Daneben die Lady als Wesen mit blondem Haar, Kleid und pinken Federn.
  • Wir de-konstruieren Gender mit Judith Butler 1000 600 WESENsBande Judith Butler sagt: »Very masculine and feminine roles are not biologically fixed but socially constructed.«

Unterstütze jetzt unsere Crowdfunding-Kampagne auf Startnext: www.startnext.com/wesensart-malbuch Ausblenden